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7. Drehtag – Südamerikanische Holzfäller im Magen

 

Heute: Ein Gastartikel von Nico Venjacob.

Euphorie und totaler Tatendrang erfüllte mich nach den vorangegangenen Tagen, die ich am Set in außergewöhnlicher Atmosphäre und mit irren Kollegen erlebt hatte. Heute: ein (beinahe-) Heimspiel. Ich, als Niels, in Niels’ eigener Wohnung, welche in Wirklichkeit das Domizil einer befreundeten Polizistin aus Düsseldorf war, die uns die Wohnung für den Filmdreh zur Verfügung gestellt hatte.
Da es nach meinem Empfinden nur zwei Arten von Tageszeiten gibt, an denen ich mich orientiere, wenn es um’s Thema “Aufstehen´´geht– nämlich “früh´´ und “angemessen´´ – und da diese stark vom Vortag und aktuellen Befindlichkeiten beeinflusst werden, weiß ich zwar keine genaue Uhrzeit mehr, sondern nur noch, dass es Kategorie “Früh´´ war, als ich nach dem Aufwachen in der Sport-Edition eines schwarzen Twingos zum Dreh geschleudert wurde.

Dort angekommen, galt es erstmal einen Kaffee zu sich zu nehmen und mit anzusehen, wie die Crew eine vorbildlich, vor allem auf weibliche Vorzüge eingerichtete und aufgeräumte Wohnung, in eine Studentenbude für Chaoten wie Niels herzurichten begann. Man mag es nicht glauben, doch Chaos macht Arbeit – bereits in der Entstehung.
Während Blätter und Kleidungsstücke in der Wohnung wild und sorgsam zugleich(!) verteilt und Möbel entfernt bzw. hinzugefügt wurden, baute Gabi – unsere Produktionsassistentin und von uns allen zertifizierte „Mama vom Set“ – das Catering für den restlichen Tag auf. Hierbei sei angemerkt, dass das Verb „bauen“ mit Bedacht gewählt wurde, denn ihre Emsigkeit und die außergewöhnlich große Auswahl und Menge an Lebensmitteln an diesem Tag hatte dafür gesorgt, dass ich im Panikrausch vergeblich das Drehbuch nach einer Szene abgesucht habe, in der eine komplette Schiffsbesatzung (oder Wahlweise eine Horde südamerikanischer Holzfäller) am Set erwartet werden würden. Diese fand ich nicht und nach kurzer Absprache mit Sascha, war mir klar, dass ich langsam mal meine Kostüme anprobieren und auf Tauglichkeit überprüfen lassen sollte anstatt paranoiden, nicht nachvollziehbaren Vorstellungen von Männerhorden nachzugehen. Ich liebe Regisseure, die mich verstehen und auf meine Probleme eingehen, weshalb ich seiner Anweisung zwar folgte, jedoch ein wachsames Auge auf die Haustür und das Buffet behielt.
Eine Jogginghose mit Loch im Schritt, ein Shirt mit “Italia“-Aufdruck und ein Bademantel wurden letztendlich auserkoren, sich während des gesamten Tages an meinen Körper zu schmiegen. Immerhin angenehmer, als einige Kostüme aus voraus gegangenen Tagen.

Dann: Ab zu Mia in die Maske, die meine Augen von der Haustür und dem Buffet auf sich richten ließ, um mich dann anzuweisen, sie zu schließen, damit sie mich zu Ende schminken konnte. Perfekt geschminkt ging es ab auf die Couch. Kaugummi in die Kauleiste stopfen und schon fühlte ich mich wie zuhause, zwischen einem Wust aus herumfliegenden Blättern und einer alten Schreibmaschine vor der Nase. Nur war ich nicht zuhause – sondern beim Dreh.

Das Kauen von Kaugummis hatte ich mir über Wochen vorher regelrecht antrainiert, um die Übelkeit, die mich dabei sehr schnell überkommt, abzuschalten. Im Hinblick darauf, dass ich an diesem Tag eine Familienpackung Kaugummis vernichten würde, war das wohl eine meiner lohnenswertesten Ideen, die ich jemals gehabt haben muss.
Nachdem viele kleinere und aufwändige Szenen abgedreht waren, hatte ich nunmehr mit “Anka´´ und somit auch mit meiner liebreizenden Kollegin Deborah Müller zu kämpfen. Zuerst in Form von Lachkrämpfen, die wohl daraus resultierten, dass Debbie vermutlich zweihundert Gesichtsmuskeln mehr besitzen muss, als es gewöhnlich bei Menschen der Fall ist und es obendrein amüsant gefunden haben muss, mich mit ihren Grimassen gekonnt aus dem Konzept zu bringen.
Eine spontane Slapstick-Einlage, in welcher ich sie durch die Wohnung schleppte, folgte nach vielen Dialogen und Nahaufnahmen, an dem Tag zuletzt. Somit war mein Level an geistiger und körperlicher Erschöpfung schon mal gut in Gebrauch. Dieses bemerkte ich allerdings erst in dem Moment, als die Beleuchtung umgestellt und umgebaut werden musste und das Fehlen von Tageslicht mir das erste Mal auffiel.
Dennoch blieb Zeit genug, sich gegenseitig auszulachen, dem Catering zu fröhnen (nach wie vor war kein einziger Seemann oder Holzfäller in Sicht!) und nach und nach zu bemerken, dass man sich so langsam der Grenze seiner energetischen Möglichkeiten nähert, die so ein Körper für einen Tag bereit zu stellen vermag.

Noch ein paar kleinere Szenen und danach entspannt im Bademantel vom Balkon mit ansehen, wie Regisseur und Kameramann um ein heißes Glas Wasser herumschwirrten, mutmaßten und fachsimpelten. Von Außen betrachtet, drängte sich mir unweigerlich das Bild von Schimpansen auf, die eben eine Zeitmaschine zu entdecken im Begriff waren. Nahaufnahmen von Handlungen und Gegenständen waren halt dran – und sie sollten gut aussehen. Sehr gut.

Unsere Continuity-Dame Nadine machte digitale und handschriftliche Bestandsaufnahmen der verwüsteten Wohnung, um diese bei Bedarf auch in den nächsten Tagen detailgetreu und ordentlich unordentlich machen zu können. Zum Ordentlich-Machen hatte sie klugerweise auch bereits im Vorfeld vom Originalzustand der Wohnung Bilder geschossen, was uns einige Drehtage später beim finalen Möbelrücken viel Zeit ersparen sollte.

Es war irgendwann mitten in der Nacht, als wir den Drehschluss feststellen durften und die Besprechung sowie Logistik für den nächsten Tag abgeschlossen hatten. Es war nicht viel, das ich zu dem Zeitpunkt vernahm, abgesehen davon, dass frühes Aufstehen und eine lange Dialogszene mit Marcel alias Marco auf dem Tagesplan standen.
Zeit genug um, nach der Ankunft in meiner Wohnung in Köln, auf der Couch eine Stunde zu entspannen und sich danach den Text für den nächsten Tag in den Schlaf zu murmeln, bevor man gute 6 bis 7 Stunden zu schlafen und gefälligst ausgeruht am nächsten Morgen am Set zu erscheinen hatte
.
Dieser Plan beinhaltete jedoch mehrere Schwachstellen, die allerdings nur zum Teil von mir hätten berücksichtigt werden können.
Hauptschwachstelle: Debbie.
Problem: Charmant, eloquent, bei mir übernachtend und absolut angenehme Gesprächspartnerin, mit der man den vergangenen Arbeitstag und die spannenden Erfahrungen gerne noch mal Revue passieren lassen kann. Das taten wir dann auch, wodurch bereits 1 bis 2 Stunden wohltuenden und gesunden Schlafes gegen gleiche Zeitmaßeinheit an spaßiger und spannender Konversation eingetauscht wurden.

Hätten wir geahnt, dass wir nach zwei Stunden Schlaf auf Grund eines medizinischen Notfalls, in Richtung Krankenhaus aufzubrechen hätten, wären wir vermutlich gar nicht erst schlafen gegangen bzw. hätten wir unsere Unterhaltung direkt im Wartesaal der Notaufnahme fortgesetzt, um direkt vor Ort zu sein, wenn die akuten Schmerzen einsetzen sollten. Leider sind Symptome, die auf eine Art von gereiztem Blinddarm oder ähnliche innere Unpässlichkeiten hindeuten, dermaßen hinterlistig, dass sie seltenst vorab ein Memo schicken. Somit war eine Vorahnung also nicht gegeben und man mag mir bitte zustimmen, wenn ich behaupte, dass es wirklich keinen Sinn gemacht hätte, sich ohne jegliche Vorahnung in eine Notaufnahme zu setzen, um dort eine Konversation zu führen oder gar zu übernachten.
Wir wussten es also nicht – es kam dann aber dazu und deshalb mussten wir also erst noch zur Notaufnahme gelangen, weil wir ja nicht bereits dort waren.

An dieser Stelle wäre die schemenhafte Silhouette eines Mannes, welcher eine von Schmerzen geplagte Frau in seinen Armen der Morgendämmerung entgegen und dem eisigen Wind trotzend, durch die leeren Straßen und nebligen Gassen der Großstadt in Richtung Krankenhaus trägt, wohl sehr angebracht. Die gelockten, langen Haare im Wind wehend und den Blick stoisch auf sein Ziel gerichtet, würde er nach diesem Kräfte zehrenden Tag seine letzte Kraft zusammen nehmen und heroisch einen Schritt vor den nächsten setzen, um diese Freundin und Kollegin von ihrem Leid zu befreien! – Doch um das in dieser Form zu schildern bin ich zu bescheiden und zudem entspräche es auch nicht ganz der Wahrheit. Wir nahmen ein Taxi.

Den offensichtlichen Schmerzen zum Trotz, war Debbie nicht davon abzuhalten, uns währenddessen (und beim Warten auf den Notarzt in der Klinik) mit ihrem Smartphone zu filmen und alles zu dokumentieren.
Zur Erleichterung verlief die Behandlung gut und es gelang uns sogar, diesen unplanmäßigen Aufenthalt im Krankenhaus, sowie den Rückweg, den wir zu Fuß in Angriff nahmen, unfassbar spaßig zu gestalten.

Nachdem wir wieder in meiner Wohnung waren, informierten wir Sascha, der kurzfristig den Drehtag umdisponierte, um Debbie nach den Strapazen einen Ruhetag zu ermöglichen und die Gelegenheit zu geben, am nächsten Tag noch mal bei einem Arzt vorstellig zu werden.

Mir hingegen stand noch knapp eine Stunde Schlaf bei Morgenlicht zu, bevor mich ein Drehtag erwartete, von dem ich zwar wusste, dass er bis in die Nachtstunden gehen würde aber noch nicht ahnte, welche Anforderungen er bereits für mich und die Crew in Petto hatte.

Klar war: wir würden eine von Niels’ interessantesten und aufschlussreichsten Szenen drehen, die mich selbst bereits beim Lesen des Drehbuchs beeindruckt hatten.
Klar war auch: ich würde ausgerechnet an diesem Tag übermüdet und vermutlich unkonzentriert an dieses Set kommen.
Klar war nicht: ob mich dieses Mal vielleicht Seemänner oder Holzfäller erwarteten; Ob Gabi ihre Catering-Baukonstruktion von einem Statiker gesetzmäßig überprüfen lassen müsste oder was dieser achte Tag sonst noch so für uns geplant hatte.
Der siebte war jedenfalls bestanden.

 
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